Das Intermedia Orkestra (IMO) ist ein künstlerisches Kollektiv aus Leipzig, das die Maximen seiner Tätigkeit unter dem Begriff intermediales Modelltheater vereint. Mit dieser Benennung werden drei zusammenhängende Dimensionen einer grenzüberschreitenden Arbeitsweise angesprochen, nämlich Theater, Modellhaftigkeit und Intermedialität, deren spezifisches Verhältnis in den einzelnen Arbeiten immer wieder erprobt wird.
Mehr Infos anzeigen
Theater. Theater bedeutet für das IMO nicht die Bindung an einen spezifischen Theaterraum in Form einer Bühne. Im Gegenteil steht jede Produktion unter dem Anspruch, die Bühne als Begrenzer und als Garanten klarer Spielregeln hinter sich zu lassen. Der tatsächlich bespielbare Raum wird erweitert auf die Straße, das Internet, das Radio, private Umgebungen, Autos und Bahnen, die gesamte Öffentlichkeit. Was vom Theater aber bleibt, ist die Idee eines öffentlichen Ortes, der als Ausgangspunkt einer Überschreitung dienen kann und dabei bewusst und "behutsam radikal" seinen Besucher auf neue Wege führt.
Modelle. Mit der Negation der Bühne gibt das IMO im selben Zuge den Anspruch auf, Illusionen vermitteln oder fiktionale Welten entwerfen zu wollen. Ohne Bühne keine Erzählung und ohne Erzählung keine Geschichte. Die dadurch gewonnene Leerstelle aber wird gefüllt durch eine Technik, die bewusst den Titel "Modell" trägt. Die Produktionen des IMO verstehen sich nämlich als Angebot an Spezialisten auf dem Gebiet der unmittelbaren Realität und das sind die Besucher selbst. Sie werden als Mit-Architekten einer in Frage zu stellenden Wirklichkeit ernst genommen. In vorstrukturierten Settings und Umgebungen werden Phänomene der direkten Erfahrung mit einem Sitz mitten im Leben gemeinsam auf ihre Selbstverständlichkeit hin befragt. Modellhaft sind diese Settings vor allem deshalb, weil der Besucher in ihnen selbst entscheidet, was ihm daran wichtig ist, wie weit er eingreift und welche Fragen er stellt. Die Funktion der Produktion wird somit präzisiert als Angebot zur problemorientierten Handlungspraxis. Als Strukturgeber dieser Angebote dienen Konzepte der Kultur-, Geistes- und Medienwissenschaften.
Intermedialität. Mit einem in dieser Form emanzipierten Besucher geht zuletzt ein wünschenswerter Verlust einher. Ein solcher Besucher findet sich nämlich ab sofort im "Dazwischen" eines nicht mehr klar getrennten Produzenten- und Rezipientenkontinuums wieder. Er interpretiert und stiftet Bedeutung zugleich und im selben Maße. Gleichzeitig befindet er sich "zwischen" den vorgefundenen Handlungsstrukturen und den anderen Besuchern. Und damit befindet er sich nicht zuletzt "zwischen" seiner gewohnten und einer neuen, eben modellhaften Realität. In dieser Verschränkung von ansonsten klar gegliederten Rollen und Orten geht nun die vom IMO vertretene Idee von Intermedialität auf. Sie besteht darin, Bedingungen des alltäglichen Lebens, die sich selbst unsichtbar machen, so aufeinander zu beziehen, dass ihre Funktionsweisen entgegen ihrer Natur doch sichtbar werden. Dinge etwa, wie den Anderen, die Umwelt und mich selbst, die genau wegen ihrer Eigenschaft "etwas möglich zu machen" alle als Medien in einem weiteren Sinne aufgefasst werden können. Durch sie wird nämlich erst denkbar, was oben Realität und Leben genannt wurde. Mit ihrer Verschränkung aber steht das zuvor erwähnte Spezialistentum des Besuchers in letzter Konsequenz selbst auf einem fruchtbaren Prüfstand. Es gilt jetzt nämlich, die Suche nach einer endgültigen und beruhigenden Bedeutung aufzugeben, das Erfahrene stattdessen weiterzudenken und noch über die Dauer der Produktion hinaus an den Rest der Realität anzulegen.